Abstrakte Kunst1923
Komposition VIII
Wassily Kandinsky
Das Auge des Kurators
"Kandinsky verlässt die organische Lyrik für eine universelle Sprache aus Kreisen und Linien und schafft eine visuelle Symphonie der psychologischen Noten."
Dieses Meisterwerk der geometrischen Abstraktion markiert den Höhepunkt von Kandinskys Bauhaus-Zeit, in der mathematische Strenge auf spirituelle Schwingung trifft.
Analyse
Komposition VIII stellt Kandinskys endgültigen Übergang zu einer "kühlen" und strukturierten Abstraktion dar, geprägt durch seine Lehrtätigkeit am Bauhaus. Für den Künstler war dieses Werk das bedeutendste seiner reifen Phase, da es seine Theorie der Entsprechung von Klängen und Farben konkretisierte. Es handelt sich nicht um eine zufällige Anordnung, sondern um die Suche nach dem inneren Gleichgewicht. Jedes Element ist eine lebendige Einheit mit einer inneren "Spannung".
Die Erklärung des Mythos der "Synästhesie" ist hier grundlegend: Kandinsky "hörte" Farben und "sah" Klänge. Für ihn ist der Kreis nicht nur eine Form, sondern ein tiefer, stabiler Klang, ein Fenster zum Spirituellen. Das Dreieck hingegen ist eine aggressive, gelbe Form, die in die Zukunft weist. Diese Leinwand ist somit eine stumme Partitur. Kandinsky glaubte, dass abstrakte Kunst direkt auf die menschliche Seele wirken kann.
Das Werk spiegelt auch das intellektuelle Klima der Zeit wider, geprägt von Fortschritten in der Physik und der Gestaltpsychologie. Kandinsky suchte nach einer rationalen Bildsprache, die das Irrationale ausdrücken kann. Der Raum der Leinwand ist kein Fenster zur Welt mehr, sondern ein Feld dynamischer Kräfte. Formen schweben in einem ätherischen Raum und deuten auf eine metaphysische Dimension jenseits der physischen Materie hin.
Schließlich ist dieses Werk ein Zeugnis für den Glauben des Künstlers an den Fortschritt der Menschheit. Nach den Traumen des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution schlägt Kandinsky eine Kunst des Wiederaufbaus vor. Die Strenge der Komposition VIII ist ein Bollwerk gegen das Chaos der Außenwelt. Es ist eine Architektur des Geistes, eine solide Struktur, die auf ewigen geometrischen Wahrheiten basiert.
Das erste Geheimnis liegt im großen schwarzen Kreis mit dem rosa Halo oben links. Für Kandinsky war der Kreis die perfekteste Form, da er die Vereinigung von Gegensätzen darstellt. Dieser spezifische Kreis fungiert als "schwarze Sonne" der Leinwand, eine Quelle psychischer Schwerkraft. Archivunterlagen zeigen, dass Kandinsky Wochen damit verbrachte, den Durchmesser dieses Kreises genau anzupassen, damit er das Ganze nicht zu sehr dominiert.
Ein weniger bekanntes technisches Geheimnis betrifft die Textur des Hintergrunds. Obwohl er auf den ersten Blick flach erscheint, trug Kandinsky sehr subtile Schichten von Cremeweiß und Blassgelb auf, um ein Gefühl von atmosphärischer Tiefe zu erzeugen. Es ist kein neutraler Hintergrund, sondern ein "lebendiger Raum". Diese Technik vermittelt den Eindruck, dass die Formen in einer unendlichen Leere schweben, einer Art bildnerischem Kosmos.
Ein Geheimnis der Komposition ist die Anwesenheit von schachbrettartigen oder leiterartigen Linien. Dies sind diskrete Hinweise auf die architektonischen Strukturen des Bauhauses. Kandinsky integrierte diese Elemente bewusst, um seine Kunst mit der Idee des sozialen Aufbaus zu verbinden. Diese Linien sind keine bloßen Dekorationen; sie wirken als "Brücken" zwischen der spirituellen Welt der Kreise und der materiellen Welt der starren Strukturen.
Schließlich gibt es ein "musikalisches" Geheimnis in den Clustern feiner Linien. Musikwissenschaftler haben versucht, die Komposition VIII in eine Partitur zu übertragen. Sie entdeckten, dass die Abstände zwischen den Linien harmonischen Verhältnissen folgen, ähnlich denen des Komponisten Arnold Schönberg. Das Gemälde folgt den komplexesten mathematischen Strukturen des zeitgenössischen Dodekaphonismus.
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