Klassizismus1623

David

Gian Lorenzo Bernini

Das Auge des Kurators

"Im Gegensatz zu den kontemplativen Versionen der Renaissance besetzt dieser barocke David den Raum des Betrachters und verwandelt statischen Marmor in eine Entladung dynamischer Energie."

Berninis David revolutioniert die Bildhauerei, indem er den paroxysmalen Moment der Handlung einfängt, in dem sich der Marmor unter der Anstrengung eines Helden in voller Spannung windet.

Analyse
Expertenanalyse: Dieses Werk markiert den Höhepunkt des Barockstils und bricht radikal mit den David-Darstellungen von Donatello oder Michelangelo. Bernini wählt nicht den Moment der Reflexion, sondern den präzisen Augenblick des Schleuderns. Der biblische Mythos erzählt, wie der Hirtenjunge David den Riesen Goliath besiegt. Hier platziert uns Bernini direkt in die Flugbahn des Steins. Davids Gesicht mit den gerunzelten Brauen und zusammengepressten Lippen zeugt von übermenschlicher Konzentration. Die mythologische Dimension wird durch dramatische Dringlichkeit transzendiert. Berninis David ist kein platonisches Ideal, sondern ein Mann der Tat, dessen Körper den göttlichen Willen ausdrückt. Mit diesem Sujet für Kardinal Scipione Borghese wollte der Künstler beweisen, dass die Bildhauerei in der Erzählkunst mit der Malerei rivalisieren kann. Wir betrachten keine Statue mehr, wir werden Zeugen eines echten Kampfes. Theologisch illustriert das Werk die Kraft des Glaubens gegen rohe Gewalt. Die auf dem Boden liegenden Kleider, insbesondere die Rüstung von König Saul, symbolisieren die Ablehnung menschlicher Kunstgriffe zugunsten des Vertrauens auf Gott. Die Harfe mit dem Adlerkopf (Symbol der Borghese) erinnert daran, dass David auch der Psalmist ist. Diese Dualität zwischen Krieger und Dichter wird durch die spiralförmige Bewegung der Figur vergrößert. Das Werk ist ein Manifest der Gegenreformation. Es zielt darauf ab, den Gläubigen zu bewegen und in eine unmittelbare sensorische Erfahrung einzubeziehen. Die Wiedergabe von Details, wie die Schnur der Schleuder, die sich in das Fleisch der Finger drückt, trägt zu diesem sakralen Naturalismus bei. Bernini nutzt Marmor als flüssige Materie und trotzt der Schwerkraft, um eine Erzählung von beispielloser psychologischer Intensität zu schaffen.
Das Geheimnis
Geheimnisse: Eines der berühmtesten Geheimnisse dieser Statue ist, dass Davids Gesicht eigentlich ein Selbstporträt von Bernini selbst ist. Man erzählt sich, dass Kardinal Maffeo Barberini den Spiegel hielt, damit der Künstler seine eigenen, vor Anstrengung verzerrten Züge beobachten konnte. Es ist ein Akt unglaublicher Kühnheit, der die Identität des Schöpfers für immer mit der des biblischen Helden verbindet. Ein weiteres oft ignoriertes Detail befindet sich zu Füßen der Statue: die Harfe, die David für den Kampf zurücklässt. Der Adlerkopf am Instrument ist ein direkter Hinweis auf das Wappen der Familie Borghese. Es ist eine subtile Art für Bernini, das Werk in der politischen Gegenwart seiner Zeit zu verankern und seinen Mäzen zu ehren. Die Harfe dient auch als strukturelle Stütze, um die Marmormasse zu stabilisieren. Die technische Meisterleistung verbirgt ein Geheimnis der Statik. Um eine solche Torsion ohne Bruch des Marmors zu ermöglichen, berechnete Bernini den Schwerpunkt mit millimetergenauer Präzision. Im Gegensatz zu Renaissance-Statuen ist diese so konzipiert, dass der Betrachter sie umrunden muss. Jeder Winkel offenbart einen neuen Aspekt der Muskulatur und beweist die Überlegenheit der Skulptur gegenüber der Malerei. Schließlich birgt die Schleuder selbst ein Geheimnis des Realismus. Sie ist so fein gemeißelt, dass der Marmor wie Leder wirkt. Bernini trieb die Politur in verschiedenen Graden voran: matt für die Haut, glänzend für die Augen. Dieses Lichtspiel verstärkt den Realismus in der Galleria Borghese, wo die Statue ursprünglich an einer Wand stand und den Betrachter zwang, direkt in Davids Schusslinie zu treten.

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Institution

Galleria dell'Accademia

Standort

Florence, Italien