Neoklassizismus1810

Aurora und Cephalus

Pierre-Narcisse Guérin

Das Auge des Kurators

"Das ätherische Schweben der Göttin, der statuarische Körper des schlafenden Cephalus und der geflügelte Amor."

Ein Meisterwerk des sinnlichen Neoklassizismus, das Auroras Entzücken für den sterblichen Cephalus darstellt.

Analyse
Das 1810 im Salon präsentierte Werk von Pierre-Narcisse Guérin markiert einen Bruch mit dem strengen Neoklassizismus Davids und wendet sich einer fließenderen, poetischen Ästhetik zu. Inspiriert von Ovids Metamorphosen zeigt das Gemälde Aurora (Eos), die Göttin der Morgenröte, die sich in den Jäger Cephalus verliebt. Der Maler wählt den Moment der stillen Verführung, in dem die Gottheit vom Himmel herabsteigt, um den jungen Mann aus seiner irdischen Ruhe zu entführen. Dies spiegelt den Wandel hin zu Anmut und Intimität wider. Stilistisch entfaltet Guérin eine Modellierung von außergewöhnlicher Feinheit, die der Haut ein porzellanartiges Aussehen verleiht, das sein eigenes Licht auszustrahlen scheint. Die Behandlung der leichten, transparenten Gewänder betont den Effekt des wunderbaren Schwebens. Der historische Kontext des Empire begünstigte die Rückkehr zum antiken Schönheitsideal, doch Guérin injizierte eine vorromantische Melancholie. Perlmuttfarbene Töne und sanfte Übergänge zeugen von einer absoluten Meisterschaft der Lasurtechnik. Die Psychologie des Werks beruht auf dem Kontrast zwischen dem aktiven Willen der Göttin und der passiven Hingabe des Sterblichen. Cephalus wird zum Objekt eines unwiderstehlichen göttlichen Begehrens, was die traditionellen Codes der Eroberung umkehrt. Seine statuarische Nacktheit symbolisiert eine verletzliche Reinheit angesichts der Unermesslichkeit des Schicksals. Die Erklärung des Mythos offenbart eine tragische Tiefe: Diese Entführung wird später zum Tod von Cephalus' Frau Procris führen. Die technische Analyse unterstreicht den Einfluss der Skulpturen Canovas auf Auroras S-förmige Silhouette. Guérin nutzt eine diffuse Lichtquelle vom Horizont, um Formen ohne harte Schatten zu bilden. Das Licht symbolisiert das Erwachen des Bewusstseins und das Eindringen des Heiligen in das Profane. Das Werk wird so zu einer visuellen Meditation über die Begegnung zwischen göttlicher Ewigkeit und menschlicher Endlichkeit, ein Thema, das der intellektuellen Elite der napoleonischen Ära teuer war.
Das Geheimnis
Ein Geheimnis dieses Werks liegt in seiner privaten Beauftragung durch den Sammler Sommariva, der die kaiserliche Sammlung übertreffen wollte. Infrarotstudien zeigten, dass Guérin ursprünglich eine detailliertere Landschaft plante, sie dann aber reinigte. Eine Anekdote besagt, dass die Transparenz der Stoffe so realistisch war, dass Kritiker verbotene Pigmente vermuteten. Das Modell für Cephalus könnte ein junger Aristokrat aus Guérins Kreis gewesen sein.

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Institution

Musée du Louvre

Standort

Paris, Frankreich