Klassizismus1738

Kind mit dem Kreisel

Jean-Baptiste-Siméon Chardin

Das Auge des Kurators

"Der junge Auguste-Gabriel Godefroy ist in reinster Konzentration eingefangen, sein Blick im Drehen des Kreisels verloren. Chardin nutzt eine nüchterne Palette, um die Würde der kindlichen Reflexion zu vergrößern."

Dieses Meisterwerk der Stille und Beobachtung fängt den schwebenden Moment einer lernbegierigen Kindheit ein. Chardin sublimiert den Alltag und verwandelt ein einfaches Kreiselsspiel in eine tiefe Meditation über die Zeit.

Analyse
Die tiefgehende Analyse offenbart den radikalen Bruch Chardins mit den frivolen Genreszenen seiner Zeit. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen erforscht Chardin die Innerlichkeit. Das Porträt des Kindes ist kein einfacher bürgerlicher Auftrag, sondern eine Studie über die Versunkenheit. Diese Fähigkeit des Subjekts, sich von der Außenwelt zu isolieren, wird unter Chardins Pinsel zu einer Form moralischer Tugend und intellektueller Erhebung. Technisch gesehen erreicht Chardins "Manier" hier ihren Höhepunkt. Er verwendet eine Schichttechnik, die der Haut des Jungen und dem Samt seines Rockes eine fast tastbare Dichte verleiht. Sein Pinselstrich ist nicht flüssig, sondern mauerartig aufgebaut, was den Objekten eine unglaubliche physische Präsenz verleiht. Der Kontrast zwischen der Stabilität der Figur und der Rotation des Kreisels erzeugt eine subtile Spannung. Das Werk fügt sich in den philosophischen Kontext der Aufklärung ein. Es spiegelt Rousseaus Theorien wider, in denen die Kindheit als spezifischer Zustand des menschlichen Daseins anerkannt wird. Chardin malt keinen "kleinen Erwachsenen", sondern ein echtes Kind mit eigener Zeitlichkeit. Der Kreisel wird zum Zentrum eines Universums, in dem die Zeit stillzustehen scheint und eine Atempause des Friedens bietet. Schließlich deutet die Integration der Schreibwerkzeuge darauf hin, dass das Spiel nur eine vorübergehende Ablenkung inmitten der intellektuellen Arbeit ist. Diese Dualität zwischen Arbeit und Vergnügen wird mit unendlicher Zärtlichkeit wiedergegeben. Der Blick des Kindes, der den des Betrachters nie kreuzt, bewahrt das Geheimnis seiner Gedanken und macht dieses Bild zu einem der schönsten psychologischen Porträts durch Stille.
Das Geheimnis
Eines der faszinierendsten Geheimnisse liegt in der Identität des Modells: Auguste-Gabriel Godefroy, Sohn eines reichen Pariser Juweliers und Freund des Malers. Diese persönliche Verbindung erlaubte Chardin eine Intimität, die ein offizieller Auftrag nicht zugelassen hätte. Dokumentarische Forschungen legen nahe, dass Chardin oft dieselben Objekte in seinen Stillleben verwendete; hier erscheinen Schreibtisch und Tintenfass als vertraute Gefährten seines Ateliers. Röntgenanalysen ergaben, dass Chardin mehrere wichtige Korrekturen (Pentimenti) an der Position der linken Hand vornahm. Ursprünglich war sie tiefer platziert, doch der Künstler entschied sich, sie anzuheben, um die Haltung des Wartens und der Faszination zu betonen. Diese Änderung beweist, dass der "Momentaufnahmen"-Aspekt der Leinwand das Ergebnis einer streng kalkulierten Inszenierung ist. Ein weiteres Geheimnis betrifft die Vorbereitung der Bildgründe. Chardin war bekannt dafür, Farberden mit seinen Ölen zu mischen, um eine charakteristische Mattigkeit zu erzielen. Diderot sagte, man müsse "seine Bilder wie Früchte auspressen, um den Saft zu extrahieren". Dieses Herstellungsgeheimnis, das der Leinwand diesen pudrigen, zeitlosen Aspekt verleiht, bleibt eines der größten Rätsel der Maltechnik des 18. Jahrhunderts. Schließlich zeigt die Erhaltungsgeschichte, dass das Bild schon früh als Ikone galt. Im 19. Jahrhundert vom Louvre erworben, überlebte es mehrere Kriege. Seine scheinbare Einfachheit verbarg eine solche evokative Kraft, dass es zum Symbol französischer Kunst gegenüber dem italienischen Barock wurde. Der Kreisel selbst ist in der kollektiven Vorstellung zur Metapher für das menschliche Schicksal geworden: zerbrechlich, aber von unsichtbarer Energie getragen.

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Institution

Musée du Louvre

Standort

Paris, Frankreich