Barock1618

Der Raub der Töchter des Leukippos

Peter Paul Rubens

Das Auge des Kurators

"Das Gemälde zeigt vier Hauptfiguren und zwei Amoretten (Putten) in einer kargen Landschaft, die die Theatralik betont. Kastor und Pollux rauben die Töchter des Königs Leukippos. Man beobachtet den auffallenden Kontrast zwischen der matten, muskulösen Haut der Entführer und dem strahlenden Perlmuttglanz der Frauenkörper in einem Wirbel aus Seide."

Als Höhepunkt der barocken Dynamik illustriert dieses Gemälde von Peter Paul Rubens den mythologischen Raub der Phöbe und Hilaeira durch die Dioskuren, Kastor und Pollux. Das Werk ist eine Explosion von Fleisch, Bewegung und Farbe, in der die Gewalt der Handlung durch formale Harmonie und eine typisch rubensianische Sinnlichkeit transzendiert wird.

Analyse
Die Analyse dieses Werks erfordert ein Eintauchen in die Psychologie der Gegenreformation und des christlichen Humanismus. Rubens nutzt den Mythos als Allegorie der Entzückung der Seele oder der politischen Einheit. Die flämische "Sfumato"-Technik lässt das Fleisch in der Atmosphäre schmelzen, während die von Michelangelo geerbte Kraft der Linienführung erhalten bleibt. Der mythologische Kontext ist der der Dioskuren, Söhne des Zeus und der Leda. Der Raub symbolisiert den Übergang von der jungfräulichen Welt zur Welt der Ehe. Rubens fängt den kritischen Moment ein, in dem sich Widerstand mit Hingabe mischt, eine psychologische Dualität, die das Erhabene erreicht. Rubens' Technik basiert auf einer hellen Grundierung, die den Körpern diese innere Leuchtkraft verleiht. Rote und blaue Lasuren vibrieren gegen das Ocker der Pferde. Der Künstler spielt mit Texturen: die Weichheit der Seide, die Rauheit des Leders, die Wärme des Fleisches und die Kälte der Rüstungen. Jeder Pinselstrich ist eine Kraftrichtung. Schließlich verkörpert das Werk die Fusion zwischen italienischem Einfluss und nordischem Naturalismus. Rubens schafft eine universelle Sprache, in der Erotik ein Bestandteil göttlicher Schönheit ist. Die Psychologie des Werks liegt in der Spannung zwischen scheinbarem Chaos und der Strenge einer Konstruktion, die eine Apotheose suggeriert.
Das Geheimnis
Ein durch Infrarotreflektographie enthülltes Geheimnis zeigt, dass Rubens die Position des linken Pferdes veränderte, um den Spiraleffekt zu verstärken. Ursprünglich war das Tier statischer, aber Rubens verstand, dass der Hals des Pferdes der aufsteigenden Kurve der Frauenkörper folgen musste. Pigmentanalysen bestätigten die Verwendung von echtem Lapislazuli für den Himmel. Zudem wurden Fingerabdrücke in der frischen Farbe nahe Hilaeiras Bein gefunden, was Rubens' direkte Arbeitsweise bezeugt. Geheimnisvoll bleibt die Identität der Modelle: Einige Historiker sehen darin die Züge von Isabella Brant, Rubens' erster Frau. Diese Projektion des Intimen ins Mythologische ist ein Markenzeichen des Künstlers. Eine heraldische Kuriosität: Die Rüstungen von Kastor und Pollux sind zeitgenössisch, ein gewollter Anachronismus, um den Mythos mit dem Adel seiner Zeit zu verknüpfen.

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Institution

Alte Pinakothek

Standort

Munich, Deutschland