Klassizismus1883

Die Toteninsel

Arnold Böcklin

Das Auge des Kurators

"Das Gemälde zeigt eine schroffe Felseninsel, die aus einem spiegelglatten Meer emporragt, in deren Mitte Grabnischen gehauen sind. Ein Boot nähert sich, das einen weißen Sarg und eine in Weiß gehüllte, stehende Gestalt trägt, die an einen Verstorbenen oder einen Psychopompos-Führer erinnert. Dunkle Zypressen, Symbole der Trauer und Unsterblichkeit, ragen im Zentrum empor und schaffen eine funerale Vertikalität, die den dämmrigen Himmel zerreißt."

Die Toteninsel ist eine absolute Ikone des europäischen Symbolismus und ein meditatives Werk über den Übergang ins Jenseits. Arnold Böcklin fängt darin eine mineralische und ewige Stille ein und schafft einen traumartigen Raum, der Psychoanalytiker, Diktatoren und Komponisten gleichermaßen faszinierte. Es ist eine Einladung zur Einkehr, ein Bild, das gebaut wurde, um «zum Träumen anzuregen», so die Worte des Malers selbst.

Analyse
Die tiefe Analyse dieses Werks offenbart einen entscheidenden Übergang in der Kunst des 19. Jahrhunderts, von der Spätromantik hin zu einem introspektiven Symbolismus. In fünf Versionen zwischen 1880 und 1886 gemalt, entstand das Werk aus einem Auftrag von Marie Berna, einer jungen Witwe, die sich ein Bild zum «Träumen» wünschte. Böcklin entfernt sich von der klassischen Erzählung, um sich auf die Stimmung zu konzentrieren. Der Stil zeichnet sich durch eine fast fotografische Präzision der Gesteinstexturen aus, die im Kontrast zur Irrealität der Szene steht. Das Licht scheint aus einer unsichtbaren Quelle zu stammen und trifft auf die weißen Felsen, um deren spektrales Erscheinungsbild zu betonen. Historisch gesehen fügt sich das Werk in eine Zeit der Faszination für die Antike und mediterrane Mythen ein, während es gleichzeitig Forschungen über das Unbewusste vorwegnimmt. Der mythologische Kontext ist hier allgegenwärtig, wenn auch implizit. Das Boot erinnert unweigerlich an Charon, der den Styx überquert, obwohl Böcklin den Fährmann nie explizit benannte. Die Insel selbst ist eine Synthese aus realen Orten (wie Ischia oder der Insel Pontikonisi), die in eine metaphysische Architektur verwandelt wurden. Diese Verschmelzung zwischen Realem und Sakralem erzeugt eine permanente psychologische Spannung: Der Betrachter fühlt sich gleichzeitig als Eindringling und als Gast. Böcklins Technik verwendet Schichten aus Tempera und Öl, um eine Farbsättigung zu erreichen, die dem Wasser das Aussehen eines schwarzen Spiegels verleiht. Die Psychologie des Werks ist die der Resignation und des Friedens. Im Gegensatz zu mittelalterlichen Darstellungen des Todes gibt es hier weder Schrecken noch Urteil. Der Tod ist ein Ort der Ruhe, ein befestigtes Gehege gegen den Tumult der Außenwelt. Die Felswände wirken als Schutzbarrieren und verwandeln die Insel in ein unverletzliches Heiligtum, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Schließlich ist der Einfluss des Werks in der Kunstgeschichte beispiellos. Es inspirierte Rachmaninow zu seiner symphonischen Dichtung, aber auch Surrealisten wie Dalí oder Chirico. Die Toteninsel repräsentiert nicht nur das Ende des Lebens, sondern das Fortbestehen der Erinnerung. Sie ist das Gefäß für die mentalen Projektionen des Betrachters, ein Fenster zu dem, was Freud später das «Unheimliche» nennen sollte. Es ist eine Landschaft der Seele ebenso wie eine geografische Landschaft.
Das Geheimnis
Eines der am besten gehüteten Geheimnisse liegt in der dritten Fassung (1883), die von seinem Kunsthändler in Auftrag gegeben wurde. Böcklin fügte dort seine eigenen Initialen «A.B.» an einem der Grabeingänge in der Felswand hinzu und markierte damit seinen eigenen Platz in der Ewigkeit. Jüngste Röntgenanalysen der ersten Fassung ergaben, dass der Maler ursprünglich eine eher terrestrische Landschaft eingefügt hatte, bevor er sich besann, das Bild zu bereinigen und die Isolation der Insel zu verstärken. Ein historisches Mysterium verbindet das Werk mit Adolf Hitler, der die dritte Fassung besaß. Er war fasziniert von ihrem germanischen und mystischen Charakter. Das Schicksal der vierten Fassung ist jedoch tragisch: Sie wurde während der Bombenangriffe auf Berlin im Zweiten Weltkrieg zerstört. Es existieren nur noch Schwarz-Weiß-Fotografien, was der Geschichte dieser Bilderserie über das Jenseits eine Dimension des «realen Todes» verleiht. Eine wissenschaftliche Anekdote unterstreicht Böcklins Besessenheit vom Licht. Er verwendete eine Präparation auf Schellackbasis, um seinen Weißtönen einen mineralischen Glanz zu verleihen. Chemische Analysen zeigten, dass er seiner noch frischen Farbe manchmal Firnis beimischte, um Transparenzeffekte im Wasser zu erzielen, die die Tiefe des Abgrunds nachahmten. Diese Sorge um das materielle Detail kontrastiert mit dem rein spirituellen Sujet der Leinwand. Schließlich ist die Insel nicht von einem einzigen Ort inspiriert, sondern eine mentale Collage. Während viele den englischen Friedhof in Florenz sehen, in dem seine Tochter Maria begraben liegt, erkennen andere die Felsen von Capri. Das Geheimnis ihrer universellen Kraft liegt gerade in diesem Fehlen einer präzisen Verortung: Sie ist die Insel aller Toten, ein universeller «Nicht-Ort», dessen räumliche Zweideutigkeit seinen sakralen und geheimnisvollen Charakter verstärkt.

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Institution

Metropolitan Museum of Art

Standort

New York, Vereinigte Staaten