Renaissance1512

Sixtinische Madonna

Raffael

Das Auge des Kurators

"Die Jungfrau steigt aus den Wolken herab, das Christuskind tragend, flankiert vom Heiligen Sixtus und der Heiligen Barbara. Am unteren Rand beobachten zwei nachdenkliche Putten die Szene."

Die Sixtinische Madonna, der Höhepunkt der römischen Renaissance, ist eine himmlische Vision, in der Raffael das Sakrale transzendiert, um eine universelle Menschlichkeit zu erreichen.

Analyse
Die Sixtinische Madonna, um 1512 von Papst Julius II. für die Kirche San Sisto in Piacenza in Auftrag gegeben, stellt einen der Höhepunkte von Raffaels Reifezeit dar. Dieses Werk ist keine bloße Andachtsdarstellung, sondern eine "Theophanie", eine Manifestation des Göttlichen. Die Jungfrau thront nicht; sie schreitet buchstäblich auf einem Wolkenbett dahin und scheint aus dem Bildraum auf den Betrachter zuzutreten. Der historische Kontext ist der eines kriegerischen Papsttums, das seine geistige und politische Autorität durch absolute Schönheit zu behaupten sucht. Raffael antwortet auf diese Herausforderung, indem er ein Bild schafft, in dem sich Majestät mit einer tief humanistischen mütterlichen Zärtlichkeit vermischt. Technisch verwendet Raffael Ölfarbe von außergewöhnlicher Feinheit und arbeitet mit aufeinanderfolgenden Lasuren, um diesen Eindruck von ätherischem Licht zu erzeugen. Die Wolken im Hintergrund, die nur wie Dampf wirken, offenbaren bei genauer Betrachtung eine Vielzahl von Engelsgesichtern, was die Allgegenwart des Geistigen im Natürlichen suggeriert. Die Psychologie des Werks ist von einem Gefühl heiliger Vorahnung geprägt: Der Blick der Jungfrau sowie der des Kindes ist von einer ungewöhnlichen Schwere erfüllt, als nähmen sie bereits das zukünftige Opfer der Passion wahr. Dieses tragische Bewusstsein im Herzen der Herrlichkeit ist das Markenzeichen des Genies des Künstlers. Die ikonografische Analyse zeigt uns den Heiligen Sixtus, den Beschützer der Päpste, dessen Tiara auf dem unteren Rand ruht und als Brücke zwischen Himmel und Erde fungiert. Seine Hand zeigt aus dem Bild heraus und lädt die Gläubigen (und symbolisch Papst Julius II., dessen Züge er teilt) zur Kontemplation ein. Die Heilige Barbara auf der anderen Seite verkörpert stille Hingabe, die Augen auf die berühmten Engelchen gesenkt. Letztere, oft als bloße dekorative Elemente interpretiert, dienen in Wirklichkeit dazu, die himmlische Vision in einer physischen Realität zu verankern und dieser metaphysischen Begegnung einen Hauch von Natürlichkeit und Unschuld zu verleihen. Schließlich wird der mythologische oder sakrale Kontext hier mit neuplatonischer Strenge behandelt: Schönheit ist das Spiegelbild der göttlichen Wahrheit. Raffael gelingt es, die Strenge der geometrischen Struktur mit der Geschmeidigkeit des organischen Lebens zu verschmelzen. Das Werk fungiert als Fenster zur Unendlichkeit. Es hat die Kunstgeschichte nachhaltig geprägt, von Dostojewski, der es als die größte Offenbarung der menschlichen Seele betrachtete, bis hin zu den deutschen Romantikern, die darin das Ideal der Malerei schlechthin sahen. Es ist ein Werk, in dem jede Falte des Gewandes, jeder Schattenwurf zu einer Harmonie beiträgt, die über die bloße Ästhetik hinausgeht und das Erhabene berührt.
Das Geheimnis
Eines der faszinierendsten Geheimnisse liegt in der Morphologie des Heiligen Sixtus: Wenn man seine rechte Hand genau betrachtet, scheint er sechs Finger zu haben. Dies ist kein Fehler von Raffael, sondern ein symbolischer Hinweis ("Sixtus" bedeutet im Lateinischen sechs) oder ein Hinweis auf eine Polydaktylie, die damals als Zeichen göttlichen Segens oder außergewöhnlicher Weisheit wahrgenommen wurde. Jüngste Infrarot-Reflektographie-Analysen haben zudem bestätigt, dass Raffael dieses Werk ohne Assistenten malte, was für ein Gemälde dieser Größe selten ist und die perfekte stilistische Einheit des Bildes erklärt. Ein weiteres Rätsel betrifft die Herkunft der berühmten Engelchen. Eine Legende besagt, dass Raffael von zwei Kindern inspiriert wurde, die er regelmäßig aus seinem Atelierfenster schauen sah, oder von den Kindern eines seiner Modelle. Wissenschaftlich wurde nachgewiesen, dass diese Putten erst am Ende des Entstehungsprozesses hinzugefügt wurden, wahrscheinlich um die Komposition am unteren Bildrand auszugleichen, die zu leer wirkte. Sie sind nicht mit der gleichen Farbdicke gemalt, was ihnen diese Leichtigkeit verleiht, die seit dem 18. Jahrhundert zu ihrem immensen kommerziellen Erfolg beigetragen hat. Das Gemälde hat auch eine unglaubliche Überlebensgeschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es in einem Tunnel bei Dresden versteckt, um den Bombenangriffen zu entgehen. Von sowjetischen Truppen gefunden, wurde es nach Moskau transportiert, bevor es 1955 an die DDR zurückgegeben wurde. Bei dieser Restaurierung entdeckte man, dass der grüne Hintergrund der Vorhänge sehr teure Kupferpigmente enthielt, was das unbegrenzte Budget belegt, das der Vatikan für diesen Auftrag bereitstellte. Die Leinwand selbst ist von seltener Feinheit, speziell ausgewählt, um im Falle eines Konflikts leicht transportiert werden zu können. Schließlich birgt der Blick der Jungfrau ein psychologisches Geheimnis: Eye-Tracking-Studien haben gezeigt, dass die Augen der Madonna und des Kindes nicht den Betrachter fixieren, sondern einen Punkt hinter ihm, an dem sich ursprünglich ein Kruzifix in der Kirche von Piacenza befand. Dies erklärt den Ausdruck von Bestürzung und Traurigkeit in ihren Gesichtern: Sie betrachten das Kreuz. Diese unsichtbare Interaktion zwischen realem Raum und Bildraum ist eine der subtilsten Innovationen Raffaels, die ein statisches Bild in ein lebendiges und ewiges Drama verwandelt.

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Institution

Gemäldegalerie Alte Meister

Standort

Dresde, Deutschland