Expressionismus1915
Selbstbildnis als Soldat
Ernst Ludwig Kirchner
Das Auge des Kurators
"Dieses Werk ist das Manifest der „symbolischen Kastration“ des expressionistischen Künstlers, bei dem die abgehackte Hand zum Emblem einer zerbrochenen Identität und einer durch den Militarismus vernichteten künstlerischen Männlichkeit wird."
Der malerische Schrei eines vom Ersten Weltkrieg zerbrochenen Künstlers. Kirchner stellt sich in Uniform dar, verstümmelt an der rechten Hand, was nicht eine reale physische Wunde symbolisiert, sondern die schöpferische Ohnmacht und den psychischen Zusammenbruch angesichts der industriellen Barbarei.
Analyse
Dieses 1915 gemalte Selbstbildnis ist ein brutaler Einblick in Kirchners Psyche nach seiner Entlassung aus der Armee wegen geistiger Instabilität. Obwohl der Künstler nie im Kampf verwundet wurde, malt er sich mit einem blutigen Stumpf anstelle der rechten Hand. Diese imaginäre Selbstverstümmelung ist eine Metapher für seine Unfähigkeit zu malen und in einer Welt zu existieren, die in blinde Gewalt versunken ist. Neben ihm scheint ein nacktes Modell seine Not zu ignorieren, was das Gefühl der radikalen Isolation des Malers in seinem eigenen Atelier verstärkt.
Das Werk ist Teil der Bewegung „Die Brücke“, deren Anführer Kirchner war. Der Expressionismus versucht hier nicht, die Realität abzubilden, sondern eine innere Angst auf die Leinwand zu projizieren. Die Uniform des 75. Artillerieregiments, die Kirchner als Fahrer trug, wird zur Zwangsjacke. Der Kontrast zwischen dem leuchtenden Rot des Stumpfes und dem kalten Blau der Uniform erzeugt eine chromatische Dissonanz, die das Auge angreift und das Chaos der Epoche widerspiegelt.
Das Fehlen der rechten Hand, der Hand, die den Pinsel hält, ist das Eingeständnis eines künstlerischen Todes. Für Kirchner ist der Krieg nicht nur eine Bedrohung für das Leben; er ist das Gegenteil der Schöpfung. Indem er sich so darstellt, prangert er die Reduzierung des Individuums auf Kanonenfutter an. Der leere, starre Blick, fast glasig, zeigt einen Mann, der den Abgrund gesehen hat und seine Augen nicht mehr davon abwenden kann.
Der Hintergrund mit dem Modell und den gestapelten Leinwänden deutet darauf hin, dass die Kunst selbst zu einer fernen Erinnerung oder einem Trugbild geworden ist. Die Anwesenheit der nackten Frau, Objekt der Begierde und des Lebens, unterstreicht im Kontrast den tödlichen Charakter des Soldatendaseins. Es ist ein bedeutendes Übergangswerk, das den Niedergang des expressionistischen Optimismus angesichts der technokratischen Realität der Massenvernichtung ankündigt.
Das erschütterndste Geheimnis dieses Werkes ist sein prophetischer und psychosomatischer Charakter. Kirchner verlor nie seine Hand auf dem Schlachtfeld, aber er litt an nervöser Lähmung in seinen Händen aufgrund seines Missbrauchs von Absinth und Morphin, Substanzen, die er benutzte, um der Angst an der Front zu entfliehen. Die abgehackte Hand ist somit eine Materialisierung seiner Angst vor der realen Lähmung, die sein Handwerk bedrohte.
Einige Kunsthistoriker vermuten, dass die Figur des Modells im Hintergrund nicht irgendjemand ist, sondern eine Darstellung von Kirchners schöpferischer Seele, die sich von ihm abwendet. Die Tatsache, dass sie fast flach, ohne Volumen dargestellt wird, deutet darauf hin, dass der Künstler seine Fähigkeit verloren hat, die Realität mit Tiefe und Sinnlichkeit wahrzunehmen.
Ein weiteres Geheimnis liegt im Originaltitel. Kirchner zögerte lange, bevor er den Titel festlegte, aus Angst, dass die „antipatriotische“ Dimension des Werks ihm eine Strafverfolgung einbringen würde. Indem er sich als untauglichen und verstümmelten Soldaten zeigte, griff er direkt das Heldenideal des kaiserlichen Deutschlands an. Tatsächlich war dieses Werk eines der ersten Ziele der Nationalsozialisten bei der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Jahr 1937.
Die Position der linken Hand, die eine Zigarette hält, als wäre sie ein Überbleibsel bürgerlicher Würde oder erzwungener Ruhe, verbirgt in Wirklichkeit ein Zittern, das Kirchner in seinen Briefen beschrieb. Die Zigarette ist kein Vergnügen, sondern eine Krücke für ein zerfetztes Nervensystem. Der Kontrast zwischen der Starrheit der Uniform und der scheinbaren Schlaffheit des linken Arms unterstreicht die Zerrüttung seines Wesens.
Schließlich verbirgt die verwendete Farbpalette ein Herstellungsgeheimnis: Kirchner mischte reine Pigmente mit Wachs, um diese matten und beklemmenden Töne zu erzielen. Dieses Verfahren vermied den Glanz des traditionellen Öls und verstärkte den „erstickten“ und klaustrophobischen Aspekt der Szene, als wäre selbst die Luft im Atelier unatembar geworden.
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Was ist auf ikonografischer Ebene die eigentliche Bedeutung der abgehauenen rechten Hand, die Kirchner sich in diesem Selbstbildnis von 1915 zuschreibt?
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