Abstrakte Kunst1910

Erstes abstraktes Aquarell

Wassily Kandinsky

Das Auge des Kurators

"Das völlige Fehlen eines identifizierbaren Sujets macht Platz für eine Choreografie aus Flecken und Linien, bei der jedes Pigment in seiner eigenen musikalischen Frequenz zu vibrieren scheint."

Eine historische Geburtsurkunde, in der Kandinsky endgültig mit der Figuration bricht, um die spirituelle Kraft der Farbe freizusetzen. Dieses Aquarell markiert den Übergang von einer Kunst, die die Welt beschreibt, zu einer Kunst, die die Seele ausdrückt.

Analyse
Dieses laut Künstlersignatur im Jahr 1910 entstandene Werk gilt als einer der ersten bewussten Schritte hin zur reinen Abstraktion in der westlichen Kunstgeschichte. Beeinflusst durch seine Forschungen zur Theosophie und die Musik Schönbergs suchte Kandinsky nach einer „inneren Notwendigkeit“, die nicht mehr von der Reproduktion der sichtbaren Welt abhing. Er postulierte, dass die Farbe eine eigene Autonomie besitzt, die in der Lage ist, die menschliche Seele direkt zu berühren, ohne den Umweg über den Intellekt oder das Wiedererkennen eines Objekts zu nehmen. Das Werk steht in einer Übergangsphase, in der Kandinsky seine expressionistischen Landschaften aus Murnau so weit verfeinerte, dass nur noch das emotionale Gerüst übrig blieb. Man kann manchmal noch die Formen von Hügeln oder Kirchtürmen erahnen, aber sie sind hier in einem Sturm befreiter Gesten aufgelöst. Der Künstler malt nicht, was er sieht, sondern was er angesichts kosmischer Kräfte fühlt, und verwandelt die Leinwand in eine psychologische und spirituelle Erfahrung. Der intellektuelle Kontext dieser Schöpfung ist geprägt von der bevorstehenden Veröffentlichung seiner Abhandlung „Über das Geistige in der Kunst“. Kandinsky erläutert darin seine Theorie der Synästhesie: Für ihn haben Farben Klänge und Texturen. Gelb klingt wie eine Trompete, Blau wie ein Cello oder eine tiefe Orgel. Dieses Aquarell muss daher als visuelle Partitur verstanden werden, in der die Harmonie und der Kontrast der Töne eine psychische Resonanz beim Betrachter erzeugen. Dieses Aquarell war auch ein Akt des Mutes gegenüber der damaligen Kritik, die das Fehlen eines Motivs als bloße Dekoration oder Wahnsinn abtat. Für Kandinsky ist es im Gegenteil eine Erhebung der Kunst auf ihre reinste Ebene, die sie aus dem „Gefängnis der Materie“ befreit. Es nimmt seine großen Serien von „Kompositionen“ und „Improvisationen“ vorweg, welche die Grenzen des visuellen Schaffens im 20. Jahrhundert neu definierten.
Das Geheimnis

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Welche große historische Kontroverse umgibt die von Kandinsky auf diesem Aquarell angebrachte handschriftliche Datierung „1910“?

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Institution

Musée National d'Art Moderne - Centre Pompidou

Standort

Paris, Frankreich